Das Fastentuch – ein Brauch, der wieder in Mode kommt

Seit einigen Jahrzehnten erleben Fastentücher eine Renaissance. In Österreich entstanden in den vergangenen Jahren vor allem durch GegenwartskünstlerInnen neue Fasten- bzw. Hungertücher. Das Verhüllen von Kreuzen, Altarbildern bzw. Teilen des Altarraums während der Fastenzeit ist einFasten der Augen“. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche des Glaubens.

Zeitgenössische und bemerkenswerte Fastentücher und ihre KünstlerInnen:
Cécile Belmont (Kapelle des Linzer Bischofshof, Winter 2022/2023), unter der Anleitung der Künstlerin entstand ein Fastentuch, das vor der Kulisse von Linz ein Bildnis des „Christus in der Rast“ nach einer Skulptur aus dem 16. Jahrhundert zeigt. Das Projekt besticht durch die kollektive Erschaffung, denn zahlreiche Interessierte bestickten das Fastentuch gemeinsam.
Götz Bury (Jesuitenkirche Wien, 2023), das Fastentuch wurde aus saugfähigem Baumwollstoff genäht und mit Stofffarbe im Muster von Geschirrtüchern bemalt. Mit Tüchern dieser Art habe man Besteck abgetrocknet, Hefeteig abgedeckt und vieles mehr. So erinnert das Fastentuch an viele Tätigkeiten im Alltag, an Sorgfalt und Behutsamkeit im Umgang mit Dingen, an Berühren und Behüten.
Am Ende der Fastenzeit wurde das Tuch zu einzelnen Geschirrtüchern umgearbeitet, mit Aufhänger und Etikett versehen und an die Anwesenden verteilt. So wird das große Fastentuch in Küchen oder anderswo „weiterleben“.
Caroline Heider (Pfarrkirche Eferding, 2012), zeigt das Ausgangsmotiv einer historischen Fotografie des Sternennebels „M8,NGC6523“ aus den 1920er-Jahren.
Gottfried Helnwein (Stephansdom Wien, 2024), auf einer zentralen Leinwand vor dem Hochaltarbild ist das Abbild Christi vom Turiner Grabtuch in liturgischem Violett projiziert, allerdings mit dem Kopf nach unten. Damit sollte das Hinabsteigen Christi in das Reich des Todes ausgedrückt werden. Links und rechts im Altarraum waren auf zwei kleineren Leinwänden jeweils gleich aussehende Totenschädel zu sehen, ebenfalls in violetten Farbtönen – sie stehen für das Memento Mori am Beginn der Fastenzeit: Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst.
Sepp Jahn und Edith Hirsch (Kloster Kirchberg am Wechsel, 2023), „Gegen das Vergessen“ fertigten die beiden das größte Fastentuch der Welt an. Es wurde auch ins Guinness Buch der Rekorde aufgenommen. Im Kloster von Kirchberg am Wechsel kann es in der Fastenzeit besichtigt werden. 100 Meter bildhafter Darstellungen aus der Bibel sollen an der Schwelle zum 3. Jahrtausend der heillosen zerstrittenen Welt das Heilsgeschehen in Erinnerung rufen.
Michael Hedwig (Salvatorianer-Kirche St. Michael Wien, 2020), verbindet zwei Fastensonntagsmotive: Die Totengebeinvision des Propheten Ezechiel (Ez 37,12) und die Verklärung Jesu (Lk 9,28b-30). Über vier Ebenen gegliedert, zeigt das 11×7 Meter große Fastentuch folgende Motive: Aus den Gräbern steigen die Gebeine der Toten, sie werden Menschen mit Fleisch und vor allem mit Herz. Und der verherrlichte Christus zieht sie gleichsam nach oben – eine Andeutung der Auferstehung.
Jakob Kirchmayr (Michaelakirche Wien, 2023), Die Spuren des Feuers, „Die Welt liegt im Argen“ – leise, aber eindringlich erzählt derr Künstler die Geschichte dieses Fastentuches. Die Arbeit mit Stoff, Feuer und Wasser war die erste Erfahrung mit diesen Medien für den Maler. Was ihn dazu bewog, war der Schmerz, den er angesichts der vielfältigen Krisen in der Welt empfand. Das 6×12 Meter große Tuch ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit den Elementen. Es ist kein Tuch zum Wohlfühlen, es geht auch nicht um Meditation und fromme Gefühle, sondern es zeigt schonungslos die Nacktheit unserer Welt und der erschütternden Wunden, die in uns und um uns sind.
Klara Kohler (Pfarrkirche Gunskirchen,2023) inspiriert durch eine mit Asche gezeichnete Skizze ihres verstorbenen Vaters Franz Kohler wurde ein großformatiges Fastentuch (4×3 Meter) mit einer Darstellung der heiligen Christophorus geschaffen.
Evelyn Kreinecker (Pfarre Prambachkirchen, 2022), ein von dem Zitat „Halt an! Wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir! Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.“ des Mystikers Angelus Silesius inspiriertes Fastentuch. Das Fastentuch lässt Betrachter:innen eintauchen in einen Raum voller Verbindungen, Verwurzelungen und Verzweigungen.
Andrea Pesendorfer (Pfarrkirche St. Magdalena Linz, 2016), das Werk mit dem Titel „Katenoide“ verdeckt das gesamte Hochaltarbild und scheint zu schweben. Schwerkraft und Gnade – ein rätselhaftes Gebilde mitten im Raum. Bögen richten sich auf, schwerelos tanzen sie durch den Raum.
Eva Petric (Stephansdom Wien, 2016), die Multimediakünstlerin gestaltete als Fastentuch eine Collage aus recycelten Häkeldeckchen. Die Häkelarbeiten und Spitzen verbinden in tausenden Knoten Erinnerungen, Wünsche und Verbindungen, sie illustrieren die generationenübergreifenden Bindungen, die zwischen Menschen bestehen. Die Künstlerin lenkt damit den Blick auf die engen Beziehungen zwischen Personen und unterschiedlichen Generationen und verdeutlicht, dass es mehr Parallelen und Anknüpfungspunkte gibt, als wir uns eigentlich bewusst sind.
Nicole Six und Paul Petritsch (Pfarrkirche Vöcklamarkt, 2020), ein Werk aus Hightech-Material, dass durch seine silberfarbene Oberfläche einen Bezug zur barocken, mit viel Gold geschmückten Kirchenausstattung herstellt und gleichzeitig in unserer Zeit verortet ist.
Erwin Wurm (Stephansdom Wien, 2020), ein Fastentuch in Form eines 80 Quadratmeter großen und 300 Kilo schweren zartlila Strickpullis. Für den Künstler soll der Oversize-Pullover „wärmende Nächstenliebe“ symbolisieren. Außerdem stand vor dem Dom-Eingang eine enorme Wärmflasche mit Füßen, die ebenfalls Wärme in der kargen Fastenzeit verbreiten sollte. Titel der Skulptur war „Big Mutter“. Der Fastentuch-Pullover ließ sich jedoch auch doppeldeutig lesen. Kleidung kann schließlich nicht nur wärmen, sondern auch – genau wie religiöse Dogmen – kratzen und viel zu eng sein

Auf Bewährtes setzt man in Kärnten. Im Gurker Dom wird mit Beginn der Aschermittwoch-Liturgie das sogenannte Hungertuch aus dem Jahr 1458 aufgezogen. Als das älteste in Österreich erhaltene velum quadragesimale zählt das Fastentuch zu einem der größten bemalten Hungertücher Europas. Das 89-Quadratmeter-Textilwerk des Meisters Konrad aus Friesach gilt als eines der bedeutendsten Zeugnisse mittelalterlicher Malkunst.

Fastentuch Gurker Dom (c) Dioezese Gurk-Rosmarie Schiestl

Kunst pur oder zeigen, was uns als Christen wichtig ist? Zieht euch warm an oder fastet mit den Augen oder doch ein Augenöffner? Die Fastenzeit stellt sich uns in den Weg, manchmal eben auch verstörend.

Nina Chalupsky

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